Dance! Vorarlberger Kulturinitiativen überzeugen mit neuem Tanzformat

Awareness mit Taktgefühl bieten die Vorarlberger Kulturinitiativen Kammgarn Hard und TiK Dornbirn an Sonntagnachmittagen. Sie prägen damit eine neue Tanzkultur, die ohne Dresscode, Leistungsdruck oder nächtliche Exzesse auskommt. In nur wenigen Stunden tanzt und schwitzt ein stetig größer werdendes Publikum in einem sicheren Raum, der auch ohne Alkohol auskommt. Angelehnt an die Disco-Kultur Manhattans der 1970er Jahre wird die Tanzfläche dabei zum Ort für Gemeinschaft in Freude und Vielfalt. Begrüßt werden die Generationen Baby Boomer bis Alpha.

Sonntags hemmungslos abshaken, für exakt drei Stunden den Kopf abschalten und danach komplett verschwitzt aber pünktlich zum Tatort auf der Couch sitzen. Utopisches Szenario? Ganz und gar nicht, bei kamm.and.dance ist genau das möglich. kamm.and.dance ist nicht nur ein Bewegungs-Appell, sondern auch das namensverwandte Tanzformat der Kulturwerkstatt Kammgarn in Hard am Bodensee. Vor ein paar Jahren probierten tanzbegeisterte Vorstandsmitglieder etwas Neues aus und das gelang auf Anhieb. Mittlerweile hat sich der Tanzsonntag derart herumgesprochen, dass das Kammgarn-Team ihn ins Programm integrierte und sogar eine Eintrittskontrolle in Erwägung zieht, um auch weiterhin genügend Platz für alle Stile an Dancemoves bieten zu können. 


Die Vorarlbergerinnen Alperiya Nazina und Eva Sutter zeigten sich vom Harder Format so begeistert, dass sie beschlossen, im TiK Dornbirn selbst etwas anzubieten. Der erste Sundaydance fand diesen März, der zweite findet in wenigen Tagen statt. Im Vordergrund stehen - ganz ohne Türsteher:innen - Offenheit und stilistische Vielfalt; Vorarlberg ist schließlich nicht Berghain Berlin. Auch der kulturverein bahnhof in Andelsbuch oder die Spielboden-Kantine bieten Tanz-Formate an, die eine neue Interpretation des einstigen Tanztees oder anonymen Clubbings anbieten. Es gilt die Freiheit, die eigene Persönlichkeit auf´s Parkett zu bringen, und da ist auch Paartanz wie Salsa, Swing oder Lindy-Hop im Programm.

In der Kammgarn lädt der Dancefloor an ausgesuchten Sonntagen jeweils von 17 bis 20 Uhr zum rhythmischen Einlassen ein, im TiK starten die Sundaydancer um 16 Uhr, konzentrieren sich aber auch auf drei Stunden. Das Phänomen, das Menschen bereits am Nachmittag statt zu fortgeschrittener Nachtstunde und vorwiegend nüchtern statt mit zunehmendem Alkohol- oder Substanzen-Pegel auf die Tanzfläche bringt, nennt sich „Soft-Clubbing“ und kommt bei der gesundheitsbewussten Generation Z gut an. Neu ist dieses Ansinnen allerdings nicht, wenngleich der kulturhistorische Kontext ein anderer ist.
 

Damals in Manhattan
Disko, das war ein Musikstil, der in den 1970er Jahren in den USA aufkam und aus einer Mischung aus Rock, Funk, Soul, lateinamerikanischer Musik, afrikanischen Rhythmen oder Gospel bestand. Für einen legendären Start zur Entwicklung des Disco-Stils sorgte David Mancuso. Der New Yorker DJ und Veranstalter legte Schallplatten erstmals nonstop auf. Er wählte dazu einen Loft in Manhattan, den er mit unzähligen Luftballons und weiteren Elementen ausstattete und auch beim Sound achtete der selbsternannte musical host auf Qualität und Respekt vor den Künstler:innen. 

„Love Saves the Day“ hieß die legendäre Party am 14. Februar 1970, zu der Mancuso homosexuelle Freunde und Freundinnen, Weiße, Latinos und Afroamerikaner einlud. Eine für diese Zeit ungewöhnlich ethnisch-bunte Party und die Geburtsstunde von „The Loft“, dem ersten prominenten Standort der aufkeimenden New Yorker Clubszene. Das Besondere daran war: Die geladenen Gäste mussten keinem Dresscode folgen, zur Umgehung einer Ausschank-Lizenz gab es keinen Alkohol und gegen einen Obulus von $2 bis später $25 wurden Gratissäfte, Obst und LSD angeboten. Musikwünsche wurden vom DJ willkommen geheißen, sogar eigene Platten durften mitgebracht werden. Das Wohl der Gäste war höchstes Gut.
 

Awareness und das Gefühl von Sicherheit
Ihre Gäste im Blick haben auch die aktuellen Vorarlberger Format, bei denen Awareness eine Hauptrolle spielt. Sich sicher zu fühlen und nicht von wertenden oder aufdringlichen Blicken gehemmt zu werden, ist vor allem für Frauen ein wesentlicher Aspekt. „Schon nach dem ersten Mal haben wir gemerkt, was für eine Kraft das hat. Die vielen Rückmeldungen gerade von Frauen, wie wohl sie sich bei uns fühlen, sprechen für sich“, sagt Lisa Weiß von der Kammgarn. 

Auch Alperiya Nazina von Sundaydance weist auf die Vorteile hin: „Wir haben mit vielen Frauen jeder Generation gesprochen. Alle möchten sich frei fühlen, genau so zu tanzen, wie sie wollen. Im klassischen Clubbing gibt es aber oft eine bestimmte Art, wie Frauen angeschaut oder angesprochen werden und das ist extrem unangenehm. Außerdem ist nach Veranstaltungsende noch früher Abend und man braucht sich keine Gedanken machen beim Heimweg“, ergänzt die Veranstalterin und gibt sich auch gesellschaftskritisch: „Wir wollen nicht bewerten, es ist egal, wie der Tanz aussieht. Es geht um die Freude.“

Das Bedürfnis nach Bewegung zu Musik, die analog über Platten oder digital mit Tracks von DJs aufgelegt werden, spürt auch der Bregenzerwald. Der Kulturverein bahnhof in Andelsbuch ließ sich am 29. April, dem internationalen Tag des Tanzes, erstmals zu einem Tanzformat inspirieren. Ursprünglich geplant als Veranstaltung, bei der Schallplatten aufgelegt werden, entwickelte es sich etwas anders. Nun geben die zwei Bregenzerwälder Jakob Kempf und Laurin Rabensteiner als „CAYOS – Aufgelegt zum Tanzen“ die Töne an und huldigen musikalisch den 70ern, 80ern und 90ern. 


Sundaydance im TiK Dornbirn, © Eva Sutter /Julia Heißenberger
 

Stress beiseite, willkommen "Sober Curiosity"
Das Gefühl von Disco ist noch immer abrufbar. Auch hier gibt es keine Altersbeschränkung „Ob jung oder jung geblieben – kommt vorbei, feiert mit uns“, heißt es in der Ankündigung im bahnhof Andelsbuch und im TiK Dornbirn setzt man neben dem Tanz auch auf verbindende Gespräche abseits von Bubbles und Krisenmodus: „Egal, ob CEO oder Handwerker:in, wir wünschen uns neben dem Faktor Tanzen langfristig, dass Menschen neben ihrem Stress mal wieder Positives erleben und ins Gespräch kommen“, so Sundaydance-Initiatorin Alperiya Nazina. Am 19. April legt DJ Robin Fischer neuerlich im TiK auf, Tickets sind online und vor Ort erhältlich. Und neben den klassischen Bar-Getränken weisen die Veranstalterinnen auch auf „fancy alkoholfreie Varianten“ hin. 

Dass der Trend in Richtung Nullprozent geht, bestätigt auch die Kammgarn. „Bei kamm.and.dance geht extrem viel Wasser, weil man sehr viel schwitzt. Wir haben aber auch drei verschiedene alkoholfreie Biere oder einen Vibrante Tonic, weil die alkoholfreien Getränke immer besser laufen“, so Lisa Weiß. Auch dieser Trend trägt mit "Sober Curiosity" einen Begriff, geprägt 2019 von der britischen Autorin Ruby Warrington basierend auf ihrem Buch "Sober Curious", was so viel wie nüchtern neugierig heißt.

Wer die Neugier stillen und sich rhythmisch hingeben möchte, kann das bald tun: Im TiK Dornbirn am 19. April, im bahnhof Andelsbuch am 30. April oder bei den Summer Sessions im Kammgarn-Areal am 26. & 27. Juni, wenn DJane Sigrid und DJane Pierre Ciseaux auflegen. Sigrid begann in der Kulturwerkstatt in Hard übrigens als ehrenamtliche Barmitarbeiterin und erfüllte sich mit dem Musikauflegen einen lang gehegten Traum. Nun teilt sie sich mit der professionellen DJane Pierre Ciseaux im Wechsel die musikalische Gastgeberinnenschaft bei kamm.and.dance, was auch eine schöne und bestärkende Geschichte über Empowerment unter Frauen ist. Aber die teilen wir ausführlich ein anderes Mal :)

 

Die Formate

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Fotos:
Titelbild: © Kammgarn Hard
Artikelbilder: © Eva Sutter, © Julia Heißenberger, © Screenshot bahnhof Andelsbuch, © screenshot Kammgarn Hard